
Ein Blinden-PC-Arbeitsplatz wird im Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Lausitz angeboten. Das Gerät besitz eine zusätzliche Tastaturreihe mit Blindenschrift. Es ermöglicht Übersetzungen und ist mit einem Blindenschriftdrucker verbunden. Für Sehbeschädigte können einzelne Wörter und Buchstaben vergrößert werden. Studentische Hilfskräfte (Foto) unterstützen blinde und sehbehinderte Studenten aus dem Fachbereich bei der Beschaffung und Übersetzung von am Computer verwendbaren Lehrmaterialien.
Autor: K. Dietrich
"Ich will anderen Menschen Mut machen"
Thomas Schmidt ist der erste, blinde Student in Cottbus
Es klappert im Treppenhaus. Tick, tick, tick. Stufe um Stufe tastet sich Thomas Schmidt mit seinem Stock nach oben. Dann geht es mit sicheren Schritten den langen Flur hinunter. Den Weg zu seinem Spezialcomputer in der Lausitzer Fachhochschule kennt der einzige blinde Student aus Cottbus in- und auswendig. Nur an der Tür dauert es ein wenig: "Mal gucken, wo das Schlüsselloch ist."
Thomas Schmidt lächelt. Denn er hat gespürt, dass der Reporter bei dem "mal gucken" zusammengezuckt ist. Es ist ein Schmunzeln, an das man sich gewöhnen muss. Während sich in seinem Gesicht kleine Lach-Fältchen bilden, starren seine Augen unverändert leer ins Nichts. Mehr als schwache Schatten und Umrisse können sie nicht mehr her erkennen.
Heute 23, verlor er mit fünf Jahren sein Augenlicht: Netzhautablösung als Folge einer Frühgeburt. Bis dahin hatte er auf einem Auge noch sehen können - eine Erfahrung, für die er heute sehr dankbar ist. Denn die Erinnerung an seine helle Zeit ermöglicht es ihm, sich ganz alltägliche Dinge vorzustellen: Häuser, Menschen, Farben. Als Sechsjähriger kam er in die Schule für Blinde und Sehbehinderte nach Königs Wusterhausen. Eine gewaltige Umstellung für Thomas. Denn blinde Kinder blieben die Woche über im Internat. Nach Hause, auch wenn es kein weiter Weg war, durfte er nur über das Wochenende und in den Ferien. Dreizehn Jahre lang. Thomas büffelte sich bis zum Abitur und weil er später als Betreuer oder Sozialarbeiter einmal Blinden helfen will, brauchte er den Studienplatz... In Cottbus gab es Computertechnik speziell für Blinde, deshalb entschied er sich für die Lausitz und gegen Potsdam. Wieder weg von zu Hause, das in Gumtow, nördlich von Berlin liegt. In eine Stadt, wo es Blinden manchmal schwer gemacht wird, sich im Alltag zurechtzufinden.
Einen Minuspunkt gibt es beispielsweise für die öffentlichen Verkehrsmittel: "Ich bin darauf angewiesen. Aber die Verbindungen hier sind nicht die besten. Vor allem nachts." Doch das ist nicht das Schlimmste Denn Thomas hat Angst, wenn er in die Stadt muss. Seit dem Tag, an dem er von rechten Jugendlichen angepöbelt und bedroht wurde."Die haben mich umzingelt und gestoßen. Etwa sechs Mann auf offener Straße. War ich vielleicht froh, als sie mich endlich gehen ließen." Ansonsten kommt Thomas gut zurecht. Er fühlt sich wohl in seiner Studenten-Wohngemeinschaft, hört mit Vorliebe laute Techno-Musik und pafft "viel zu viele Zigaretten", wie er selber meint. Mindestens zweimal die Woche geht's mit Freunden ins Kino, an anderen Tagen wird Skat gespielt. "Eben alles das, was andere Menschen auch machen. Nur ist es bei mir immer sehr zeitaufwendig." Im Laufe der Jahre hat er lernen müssen, mit den Einschränkungen seiner Behinderung zu leben. Und er hat festgestellt, dass andere mehr Rücksicht auf ihn nehmen, als er auf sich selbst.
Ich kann alles tun" "Wenn ich zu Hause gegen die Ofentür laufe, dann kann die nur einer offen gelassen haben - nämlich ich selber. Manchmal bin ich eben ein absoluter Trampel." Schnittwunden und Verbrennungen bleiben da nicht aus. Aber er trägt's mit Fassung und kann über seine eigene Tollpatschigkeit lachen. Genauso wie er sich köstlich über Blindenwitze amüsiert. "Das stimmt, ich liebe Blindenwitze. Meine Mutter kennt eine Menge davon." Thomas hat auf alle Fragen spontan eine Antwort parat, nur einmal muss er mit den Schultern zucken. Gibt es einen Lebenstraum, den man sich als Blinder nicht erfüllen kann? Thomas kratzt sich am Kopf, grübelt nach. Auch nach längerem Nachdenken weiß er nichts Konkretes zu sagen. Außer: "Ich kann alles tun. Ich kann tauchen, ich kann Fallschirmspringen. Kein Problem. Das mache ich alles bestimmt einmal." Acht Semester hat Thomas Schmidt jetzt seit 1997 an der Fachhochschule in Cottbus hinter sich gebracht. Mit dem Diktiergerät bewaffnet waren Vorlesungen und die Nachbearbeitung kein Problem für ihn. Im nächsten Jahr steht die Diplomarbeit an.
Schreiben will er über die Integration von blinden Kindern an ganz normalen Schulen. Eine Sache, die ihm persönlich sehr am Herzen liegt. Denn Blinde in Sonderschulen unterzubringen, davon hält er nicht viel. "Menschen gehen mit denen, die nicht sehen können, ganz anders um, wenn sie von kleinauf damit konfrontiert werden. Es ist häufig so, dass Erwachsene Hemmungen haben, auf uns zuzugehen. Das ist schlecht, weil wir in manchen Situationen auf sie angewiesen sind." Später soll es einmal ein Job im sozialen Bereich sein. "Wichtig ist nur, dass ich anderen Menschen helfen und ihnen Mut machen kann, ein eigenes Leben zu führen", sagt Thomas.
Das so genannte Braille-System ermöglicht es Blinden und Sehbehinderten, Texte am Computer lesen zu können. Auf der herkömmlichen Tastatur` auf der auch Blinde schreiben, hat der Anwender eine spezielle Blindenzeile, die Texte Zeile für Zeile in die so genannte Punktschrift übersetzt. So können Texte einfach eingescannt und dann ertastet werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich den Text in Punktschrift auszudrucken. Das System wurde nach seinem französischen Erfinder Louis Braille benannt.
"Ich liebe Blindenwitze." sagt Thomas Schmidt, blinder Student; Auf der Blindenzeile ertastet Schmidt die Texte, die gerade auf dem Computerschirm erscheinen.
Autor: E. Herholz
Der Deutsche Mehrkampfmeister 2003, Ronny Ziesmer, studiert nach seinem Trainigsunfall mit entstandener Querschnittslähmung und Tetraplegie an der FH Lausitz erfolgreich in der Studienrichtung Biotechnologie mit der Unterstützung des Integrationsprojektes. Weiteres unter GYMedia International
Autor: R.-P. Witzmann
Die Präsidentin der Fachhochschule Lausitz, Frau Brigitte Klotz, übergab Spende an das Studienzentrum für barrierefreie Lehre und Forschung i.G. (in Gründung).
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